Schlichte Glasfläschchen mit tief angesetzter Tülle gehören zum festen Repertoire der römischen Glasfunde aus Siedlungskontexten. Sie waren im gesamten römischen Reich verbreitet, der Fundschwerpunkt liegt in den östlichen römischen Provinzen. Allerdings ist die Funktion dieser Gefäße alles andere als offensichtlich und rechtfertigt eine nähere Betrachtung.

In der Literatur finden man auch die Bezeichnung Gießerchen für diese Flaschen (z.B. Peter La Baume). Im Handel findet man für diese Flaschen gerne die Bezeichnung Saugfläschchen oder Babyfläschchen, was die Verwendung für Babynahrung impliziert. Dies ist jedoch aus mehreren Gründen wenig wahrscheinlich. Kurioser Weise sind fast alle gefundenen Flaschen an der Tüllenspitze scharfkantig abgebrochen. Selbst bei Grabfunden, die vorher sicher in vielen Fällen keine Verwendung im Alltag fanden, tritt diese Beschädigung häufig auf. Für einen antiken Glasbläser wäre es problemlos möglich gewesen die Kanten der Tüllenspitze abzurunden. Für einen Babymund aber auch für einen Schlauchaufsatz erscheinen die spitzen Enden nicht geeignet. Zumal lässt das tiefe ansetzen der Tülle eine Befüllung (z.B. mit Milch) über diese Höhe hinaus nicht zu. Damit haben die ohnehin schon kleinen Gefäße ein stark verringertes Fassungsvermögen. [Anmerkung: Objektnr. 0243ROM1108 zeigt im Vergleich ein römisches Keramikkännchen, bei dem die Tülle höher, direkt unterhalb des Halses, angesetzt wurde. Ein größerer Teil des Volumens konnte genutzt werden. ]

Der Vorschlag, dass einst eine Membran auf den Flaschenhals aufgebracht wurde, wird durch die Funde solcher Flaschen mit an der Lippe angesetztem Henkel entkräftet. Eine Membran hätte zumindest bei diesen Gefäßtypen nicht angebracht werden können. Ohne Membran ist ein Nuckeln an der Flasche nicht möglich. Die Flüssigkeit würde sich einfach hinausgießen lassen.

Eine Verwendung als Geschirr, z.B. als Ausgießer für Öl oder Soße ist ebenfalls fraglich. Es gibt keine oder keine uns bekannten Beispiel solcher Gefäße mit Verzierung. Dies wäre aber bei römischem Tischgedeck sicherlich gewünscht gewesen. Und auch hier spricht das geringe Fassungsvermögen gegen die These.

Eine Alternative Theorie ist die Verwendung der Gefäße zum Befüllen von Öllampen. Dafür spricht, dass die niedrig angesetzte Tülle trotz des Nachteils das Fassungsvermögen zu verkleinern einen Vorteil beim Befüllen von auf flachen Unterlagen stehenden Lampen gehabt hätte. Beim Befüllen von brennenden Lampen ist es wichtig kein Öl daneben zu gießen. Auch ist die Fundmenge der bislang als Öllampenbefüller zugeordneter Gefäße deutlich geringer als die Zahl der Lampen. Jedoch ist das Volumen der anerkannten Füllgefäße größer als das typische Fassungsvermögen der fraglichen Tüllenfläschchen.

Zuletzt bleibt noch die vage Aussage, dass es sich um Tropfflaschen handelt, mit denen sehr geringe Mengen kostbarer Flüssigkeiten fast tropfengenau dosiert werden konnten. Z.B. für das Arbeiten mit Medikamenten oder Parfüm. Natürlich lässt sich eine solch vage Interpretation schlecht bestätigen oder widerlegen. Die Verwendung dieses Gefäßtyps bleibt umstritten.

[Text angelehnt an F. Wiesenberg, Thesenpapier 2010-01, Anmerkungen zu den sogenannten "römischen Nuckelflaschen"]


Beispiel:

Spätrömische Tropfflasche
Frei geblasenes Glasfläschchen aus spätrömischer Zeit. 

Literatur:     

Michael J. Klein. Römische Glaskunst und Wandmalerei. Philipp von Zabern (1999).