Publiziertes palmyrenisches Grabrelief des Hermes

Publiziertes palmyrenisches Grabrelief des Hermes
Grabrelief eines bärtigen Mannes aus Palmyra mit Inschrift, diese besagt „Bildnis des Hermes. Wehe!“. Museales Stück.
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Objektnummer: AR1756
Details

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Objekt: Grabrelief, bärtiger Mann in Chiton und Himation gekleidet, mit Inschrift
Material: weißer Kalkstein mit Aderung , stellenweise eine gelbliche Patina, mit Resten schwarzer Bemalung.
Maße: Grabrelief: Höhe 46 cm, Breite 45 cm, Tiefe 23 cm. Relieftiefe ca. 11 cm.
Standfuss: Höhe 54 cm, Breite 46,5 cm, Tiefe 26,5 cm.
Gewicht: ca. 40 - 50 kg.
Datierung: 2. - 3. Jh. n. Chr.
Wahrscheinlich 3. Gruppe nach Ingholt, 200 - 273 n. Chr.
Zustand: Museal erhaltenes Stück. Keinerlei Schäden, auch die Nase, welche bei antiken Portraits oft abgebrochen ist, ist unbeschädigt. Ausdrucksstarkes Portrait, detailliert und aufwendig gearbeitete Haartracht, Mimik und Kleidung. Bei der Herstellung durch Spannung entstandener oberflächlicher Riss im Himation unterhalb der Inschrift.
Beschreibung: Grabrelief mit der Büste eines bärtigen Palmyreners. Das Haar ist detailliert gearbeitet und fällt in leicht gewellten Strähnen gerade in die Stirn, welche von einer tiefen Falte durchzogen wird, auf halber Höhe wird es von einem dünnen Band zusammengehalten. Die buschigen Augenbrauen sind wie eine zusammengedrehte Kordel gestaltet, ein typisches Merkmal der palmyrenischen Portraits. Die Augen sind mandelförmig, Iris und Pupille sind durch zwei konzentrische Kreise abgesetzt. Der kurze Vollbart ist, ebenso wie der Schnauzbart, sorgfältig in kurzen Strähnen frisiert. Der Bart war in der antiken Kunst ein Stilmittel, um das nicht mehr jugendliche Alter des Dargestellten zu verdeutlichen. Die Ohren sind groß und in leichter Seitenansicht gearbeitet, was den frontalen Eindruck - ein weiteres typisches Merkmal - unterstreicht.

Der Palmyrener ist mit einem Chiton und einem sorgfältig drapierten Himation bekleidet. Beide Hände sind gerade vor dem Oberkörper angeordnet und fassen ins Gewand.

Hinter der Büste ist eine rechteckige Form eingetieft, welche möglicherweise eine Tür oder einen Vorhang stilisiert. Links vom Kopf ist eine dreispaltige Inschrift angebracht. Diese lautet

ṣlm
hrms
ḥbl

und kann als
"Bildnis / Relief
des Hermes.
Wehe!"

übersetzt werden. Die Übersetzung erfolgte freundlicherweise durch Prof. Dr. Klaus Beyer und Dr. G. Wilhelm Nebe, Abteilung für Semitistik des Seminars für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, eine pdf-Version ist hier verfügbar. Die Form der Inschrift ist in palmyren Grabinschriften geläufig. Der Name Hermes, auch Hermeias, ist als männlicher Personenname auch in anderen palmyrenischen Inschriften belegt.

Die Inschrift ist publiziert durch Dr. G. Wilhelm Nebe, siehe unten.

Neben der Inschrift ist ein weiteres besonderes Kennzeichen des angebotenen Reliefs, dass es eindeutige Spuren der antiken Bemalung bewahrt hat. Diese hebt sehr schön die Augen hervor und verleiht dem Portrait einen besonnen-friedlichen Ausdruck. Auch die Schrift hebt sich durch die schwarze Farbe eindrucksvoll vom Feld ab.

Das angebotene Relief vereint in sich stilistische Merkmale, welche vor allem in der palmyrenischen Plastik des 2. und 3. Jh. n. Chr. vertreten sind. So sprechen die Frisur und Ausführung der Augen für eine Datierung in Ingholts erste Gruppe (H. Ingholt, Studier over palmyrensk Skulptur (Kopenhagen 1928)), welche sich über den Zeitraum von 50 n. Chr. bis 150 n. Chr. erstreckt. Die Frisur zeigt starke Parallelen zu den Darstellungen aus Trajanischer Zeit. Dagegen sprechen der Bart, welcher erst ab der zweiten Gruppe und damit ab 150 n. Chr. vermehrt auftritt, sowie die ausgefallene, nicht länger starr lineare Ausarbeitung des Gewandes für eine spätere Datierung. Damit ist eine Einordnung in die dritte Gruppe und damit in den Zeitraum von 200 - 273 n. Chr. wahrscheinlich. Diese Stilepoche zeichnete sich vor allem durch plastischere, realitätsnähere Gewandentwürfe sowie eine Rückwendung zu den Frisuren der ersten Gruppe aus, während die Frisuren der zweiten Gruppe meist einen lockigen Antoninischen Stil aufwiesen.
Publiziert in: G. W. Nebe, "Zwei neue palmyrenische Inschriften" in: M.Dlugosz (Hg.), Vom "Troglodytenland" ins Reich der Scheherazade. Archäologie, Kunst und Religion zwischen Okzident und Orient. Festschrift Piotr Scholz zu seinem 70. Geburtstag, Berlin 2014 (Frank & Timme) (ISBN 978-3-7329-0102-9), S. 97ff.
Referenzen: K. Tanabe, Sculptures of Palmyra (Tokyo 1986):
- S. 339 Nr. 308. Büste des ZBYD', Sohn des ‘GYLW, Höhe 56 cm, Breite 42 cm, Palmyra-Museum, datiert auf 177/8 n. Chr. Motivisch sehr ähnlich, jedoch deutlich gröber und linearer gearbeitet.
- S. 264 Nr. 231. Hypogäum von Artaban, datiert auf das späte 2. Jh. Vergleichsstück für Ausführung der Kleidung.
- Für eine frühe Bartdarstellung siehe: S. 312 Nr. 281. Büste des 'TTN, Sohn des NHY aus dem Hypogäum des Malku. Das Hypogäum datiert auf den Beginn des 2. Jh. Eine eingehende Diskussion des Hypogäums bei:
H. Ingholt, The sarcophagus of Be’elai and other sculptures from the tomb of Malkû, Palmyra, MUSJ, XLV, 173-200

A.M. Nielsen, Katalog Palmyra samlingen ny Carlsberg Glyptotek (Kopenhagen 1993):
- Vergleichsstück für Haartracht: Nr. 10-11, datiert auf 110 - 120 n. Chr., trajanisch. Die Gewandgestaltung ähnlich, jedoch deutlich stilisierter und linienhafter, bartlos.
Historisches: In der Antike war die Oasenstadt Palmyra ein wichtiger Handelsposten auf einer Karawanenroute, welche sich von Damaskus bis zum Euphrat erstreckte. Der Name, den die Stadt erst in römischer Zeit bekam, leitet sich vom lateinischen "palma" = Dattelpalme ab. Heute liegt neben den Ruinen des antiken Palmyra die Stadt Tadmor.

Die frühesten Spuren der Anwesenheit von Menschen lassen sich bis ins Neolithikum verfolgen. Die Oase und die sie speisende östliche Quelle dienten dabei vermutlich als Kult- sowie als Badestelle. Aus der Bronzezeit (kontinuierlich von der Frühbronzezeit um ca. 2200 v. Chr. bis ins Ende der Spätbronzezeit im 12. vorchristlichen Jahrhundert reichend) stammen dann die ersten durch Grabungen nachgewiesenen Besiedelungsspuren im Osten des späteren Stadtgebiets. Diesen folgte eine etwa 1 Jahrtausend währende Siedlungslücke, nach der der Siedlungshügel (Tell) ca. 300 v. Chr. offenbar nivelliert wurde. Im 1. Jh. v. Chr. entstand an dieser Stelle der hellenistische Vorgänger des Hauptheiligtums von Palmyra, des Baal (oder Bêl)-Tempels. Der heute erhaltene Tempel entstand dann zwischen ca. 19 und 32 n. Chr. In byzantinischer Zeit wurde die Cella des Tempels zu einer christlichen Kirche umfunktioniert und schließlich im 12. Jahrhundert zu einer Moschee umgestaltet. Im Jahre 1875 zählte die Bevölkerung des befestigten Tempelbereichs noch ca. 800 Mann sowie eine 40 Mann starke Garnison. Unter der französischen Verwaltung wurde 1930-32 die Bevölkerung in ein neu angelegtes Dorf umgesiedelt und der Tempelbezirk geräumt.

Der zweite Siedlungsschwerpunkt lag im äußersten Westen bei einer zweiten Quelle. Eine urbane Besiedelung lässt sich bis ins 1. Jh. v. Chr. nachweisen, im 3. Jh. n. Chr. befand sich hier mutmaßlich der Palast der Fürsten von Palmyra (Odaenathus, Vaballaathus, Zenobia). Nach der Zerstörung Palmyras 272 n. Chr. durch die Truppen Aurelians baute Diokletian die Stadt 293 - 303 n. Chr. in einem kleineren Rahmen wieder auf und errichtete an dieser Stelle sein Truppenlager. Zur Blütezeit ihrer Entwicklung um die Mitte des 3. Jh. n. Chr. zählte Palmyra vermutlich 150.000 - 200.000 Einwohner. Schon ein halbes Jahrhundert später waren es unter Diokletian vermutlich nur 30.000 Einwohner, unter Justinian im 6. Jh. sogar gerade mal 15.000.

Den dritten Siedlungsschwerpunkt bildete das zwischen den beiden Polen gelegene Gebiet der Agora. Gegen Ende des 1. Jh. v. Chr. wurde das Stadtgebiet von einer aus Lehmziegel errichteten Stadtmauer umzogen. An der Ausfallstraße nach Damaskus befand sich vor dem Damaskustor die Südwestnekropole. Weitere große Nekropolen lagen im Südosten, Norden und Westen (das sogenannte "Tal der Gräber"). Im einfachsten Fall waren die individuellen Gräber durch eine Stele gekennzeichnet, welche den Namen des Verstorbenen trug. Aufwändig gestaltetere Monumente wurden zudem durch die Darstellung eines zwischen Palmenzweigen angebrachten Vorhangs und in einigen Fällen auch durch Portraits der Verstorbenen verziert. Hinzu kommen die monumentalen Grabbauten, welche einer oder mehreren Familien als Begräbnisstätte dienten. Beliebt war dabei die Darstellung von Bankettszenen, mehrere exzellent erhaltene Beispiele sind überliefert. Einzigartig im nahen Osten ist die seit dem 1. Jh. n. Chr. greifbare Kombination von Grabturm und Hypogäum. Diese Grabtürme besaßen mehrere Stockwerke, die größten Anlagen bargen bis zu 3.000 Bestattungen, welche auf jeder Etage über- und nebeneinander lokalisiert gewesen sind. Die Grabstätten waren mit Steinplatten verschlossen, von denen einige ein Bildnis des Verstorbenen zeigten, während andere bildlos waren. Während die Anlagen von außen schmucklos waren, war ihr Inneres aufwändig dekoriert. Schließlich zu nennen sind die im 2. Jh. einsetzenden Hausgräber.

Nur wenig ist zu dem palmyrenischen Totenkult und dem Totenglauben überliefert. Aus der Ikonographie der Gräber wird vermutet, dass die Palmyrener den griechischen Seelenglauben teilten und damit an eine Trennung von Leib und Seele nach dem Tod glaubten, diese Annahmen lassen sich jedoch bislang nicht durch Inschriften belegen.

Charakteristisch und sehr bekannt sind die palmyrenischen Grabreliefs, welche fast ohne Ausnahme aus einem gelben oder hellgrauen Kalkstein gefertigt wurden. Bislang sind ca. 1000 Grabskulpturen bekannt, welche dazu dienten, die lokulusartigen Gräber zu verschließen. Nicht alle Darstellungen trugen dabei eine Inschrift. Kunsthistorisch sehr wichtig ist jedoch die Tatsache, dass sich die meisten beschrifteten Reliefs absolut datieren lassen, wodurch die Identifizierung einer Stilentwicklung und die Ableitung einer relativen stilistischen Chronologie möglich wird. So identifizierte H. Ingholt als erster drei chronologisch aufeinanderfolgende Stilgruppen (H. Ingholt, Studier over palmyrensk Skulptur (Kopenhagen 1928)). Generell zeigt die palmyrenische Kunst einen starken orientalischen, also vor allem parthischen Einfluss. Kennzeichnende Merkmale sind eine relativ starre Frontalität und eine lineare Bearbeitung, vor allem im Faltenwurf der Kleidung sowie in der Haartracht. Ein weiteres Merkmal sind die gebohrten Pupillen und die Wiedergabe der Augenbrauen als schmale Rillen oder in Form einer gedrehten Kordel.
Literatur: [1] Für eine ausführliche Geschichte von Palmyra, welche hier in den wichtigsten Zügen zusammengefasst ist, siehe: A. Böhme - W. Schottroff, Palmyrenische Grabreliefs (Frankfurt a. M. 1979)
[2] A. Henning, Die Turmgräber von Palmyra: eine lokale Bauform als Ausdruck kultureller Identität (Köln 2001)
[3] G. Degeorge, Palmyra (München 2002)
[4] A.M. Nielsen, Katalog Palmyra samlingen ny Carlsberg Glyptotek (Kopenhagen 1993), exzellent strukturiertes Werk mit zahlreichen Belegstücken aus den drei Stilgruppen, chronologisch geordnet.
[5] K. Tanabe, Sculptures of Palmyra (Tokyo 1986)
[6] H. Ingholt, Studier over palmyrensk Skulptur (Kopenhagen 1928)
Provenienz: 2011 in einem traditionellen deutschen Auktionshaus erworben. In dieses eingeliefert vom Erben einer französischen Sammlung, welche in den 1960er Jahren angelegt wurde.
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